Staycation – Urlaub zu Hause

Die Themen Wohnen und Garten haben in der Corona-Krise einen neuen Stellenwert gewonnen. Kann der Handel davon profitieren – und wenn ja, wie? Eine Wohnpsychologin, eine Sortimentsberaterin und der Marketingleiter eines großen Gartenunternehmens haben ihre Einschätzungen mit uns geteilt und verraten, warum Trends wie „Staycation“ Chancen bieten, aber noch lange kein Selbstläufer sind.

Eine junge Frau entspannt auf ihrem Balkon.

Die Bedeutung der eigenen 4 Wände in Zeiten von Corona

Für Dr. Barbara Perfahl ist Wohnen naturgemäß kein kurzweiliger Trend. Als Wohnpsychologin und Home-Stagerin weiß sie: „Wohnen ist für die meisten Menschen sowieso ein Thema – existenziell und essentiell. Jetzt hat es natürlich mehr Gewicht bekommen. Man kann quasi gar nicht mehr anders, als sich mit der eigenen Wohnung auseinanderzusetzen.“ Wenn sie etwas Positives formulieren müsste, dann wäre es dies: Dass sich so viele Menschen wie noch nie mit der ganz grundlegenden Frage beschäftigen, wie sie wohnen möchten.

Die künftige Entwicklung findet Dr. Perfahl schwer vorhersehbar. „Normalerweise kommen diese Impulse, das eigene Zuhause umzugestalten, ja aus dem eigenen Leben heraus. Jetzt wirkt die Außensituation auf uns ein – Corona, Homeoffice, Schulen, Lockerungen… das ist für die meisten Menschen definitiv belastend. Wir haben nie so viel Zeit wie jetzt zu Hause verbracht. Ich denke, das Thema Wohnen wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen.“ So kann sie sich vorstellen, dass viele Menschen ihre Wohnverhältnisse grundsätzlicher angehen werden: „Wenn dieser Zustand anhält, werden wir unsere Einrichtung mittel- bis längerfristig anders arrangieren müssen. Immer nur vom Esstisch aus zu arbeiten, Dinge von links nach rechts schieben – das geht auf Dauer nicht.“

Wohl auch deshalb sieht die Expertin „Staycation“ als ein zweischneidiges Schwert: Wenn der Urlaub zu Hause oder in der Region zur einzigen Handlungsoption werde, dann dränge es den Menschen zum Gegenteil – ganz weit wegzukommen, zumindest aber ans Meer oder zum Beispiel in die Berge. Viel Zeit zu Hause zu verbringen stehe gerade nicht unbedingt auf der Wunschliste ganz oben, so Dr. Perfahl.

„Corona hat gezeigt: Ich muss Zugang zur frischen Luft haben. Und wenn es nur ein winziger Balkon ist.“ Den Wunsch nach einer Wohnung mit Balkon, Terrasse oder Garten nimmt Dr. Perfahl gerade sehr stark wahr. Wer hat, der rüstet seine Außenbereiche jetzt auf. „Das ist aus wohnpsychologischer Sicht natürlich sehr positiv: nach draußen strömen, den eigenen Wohnraum erweitern.“ Dazu gehört für die Wohnpsychologin auch der öffentliche Raum, in dem sich Menschen zum Beispiel zum Picknicken mit Abstand treffen.

“Ich denke, das Thema Wohnen wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen.”

Dr. Barbara Perfahl

Sollte man als Händler aufgrund des „Staycation“-Trends sein Sortiment anpassen?

Als analytische und kreative Sortimentsberaterin steht Barbara Karstens ihren Kunden bei der Bewältigung von Herausforderungen zur Seite. „Der Handel ist im Wandel“ – und das trifft immer zu, erfährt aber in der andauernden Corona-Krise nochmals eine neue Qualität. Die Hamburgerin möchte die Situation nicht schönreden: „Die Problematik ist ja grundsätzlich, dass der stationäre Einzelhandel eine ganze Zeitlang komplett geschlossen war“, erklärt Karstens. „Da fehlte manchen Händlern die Digitalisierung. Viele haben aber sehr schnell reagiert. Sich zum Beispiel Social Media zunutze gemacht. Da wurde viel improvisiert, blitzschnell Kundenkontakt aufgebaut. Zum Teil wurden Dienstleistungen ganz neu geschaffen, Vertriebswege aufgebaut, auch einmal unbürokratisch Bestellungen persönlich geliefert. Auch haben sich Händler zusammengetan, gemeinsame Hashtags genutzt. Das fand ich toll.“

Neben Etablierung und Ausbau des Onlinehandels hatte die Beraterin einen weiteren Rat: „Ich habe in dieser Zeit immer empfohlen, das Visual Merchandising anzugehen, die Gestaltung des Schaufensters. Viele Menschen haben ein starkes Bedürfnis, rauszugehen. Das Wetter hat ja auch gut mitgespielt. Sobald dann wieder Lockerungen stattfinden, wird das Einkaufserlebnis zur Belohnung. Und wer öfters umgestaltet, schafft zusätzliche Anreize.“

Wie der Handel auf den Fokus Wohnen reagieren kann? „Zunächst einmal gibt es natürlich hohe Lagerbestände, die nun abgebaut werden müssen. Die ganzen Anlässe von Ostern bis Hochzeit sind weggefallen, eine komplette Saison“, gibt Karstens zu bedenken. Sie rät davon ab, ziellos zusätzliches Sortiment aufzubauen. Aber: „Natürlich ist der Drang, sich schön einzurichten, jetzt besonders groß. Übrigens nicht nur drinnen, sondern auch draußen – was sich daran ablesen lässt, wie beliebt plötzlich die Baumärkte geworden sind. Alles rund ums Wohnen wird immer noch bevorzugt lokal gekauft.“

„Alles rund ums Wohnen wird immer noch bevorzugt lokal gekauft.“

Barbara Karstens

Eine kleine Familie zeltet im eigenen Garten bei einer Feuerschale.

Fokus Gartencenter: Sortimente rund um Nachhaltigkeit gewinnen an Bedeutung während Corona

Das Thema Nachhaltigkeit sieht auch Christian Rauser als einen der Gewinner der Corona-Krise: „Wir haben auch hier den Lockdown als Booster wahrgenommen, der die Themen, die schon eine Weile im Hintergrund stehen, in den Mittelpunkt gerückt hat“, erklärt er. Rauser ist Leiter im Marketing der Meier AG, eines der führenden Schweizer Unternehmen der Grünen Branche mit rund 200 Mitarbeitern. Gerade den Nutzgarten hätten viele Kunden während der ersten Phase der Pandemie für sich entdeckt: „Und wenn Sie Ihren Salat selbst anbauen, dann wollen Sie natürlich weniger Gift haben – durch biologischen Pflanzenschutz mit Nützlingen statt Chemie, zum Beispiel. Das wird sicherlich in Zukunft noch wichtiger werden.“

Profitiert hat sein Arbeitgeber vom „relativ breit aufgestellten Sortiment“, wie Rauser einräumt. Was immer geholfen hat, war der Blick in die Zukunft – gar nicht erst versuchen, die verloren gegangenen Wochen aufzuholen oder sich „mit Aktionismus zu retten versuchen“, wie der Marketingleiter erklärt. Stattdessen: analysieren, was man ab sofort besser machen kann, um für Situationen wie diese gerüstet zu sein. „Wenn man seine Warenströme nicht beeinflussen kann, führt das natürlich zu viel Unsicherheit. Das haben wir zu spüren bekommen“, erinnert sich Rauser an die ersten Wochen des Lockdowns, der in der Schweiz nochmals strenger ausfiel als in Deutschland.

Zur Wichtigkeit des Gartens hat auch das Handelsmagazin „Markt in Grün“ ein paar Zeilen geschrieben: „Die digitale Magazin-App Readly hat geprüft, welche urlaubsbezogenen Stichwörter ihre Nutzer im Juni zur Planung des diesjährigen Urlaubs am häufigsten auf der Plattform eingegeben haben. Et voila: Garten liegt auf Platz eins. Der Top-Trend „Staycation“, also der Urlaub zu Hause, ist allgegenwärtig.“

„Was immer geholfen hat, war der Blick in die Zukunft.“

Christian Rauser

Digitalisierung im Handel muss vorangebracht werden

Den Drang ins Grüne kann auch Rauser bestätigen – wer irgendwie konnte, habe das Thema Garten und Balkon weiter ausgebaut, Gemüse und Kräuter angeschafft. Dekoration und Gartenmöbel standen am Anfang weniger im Fokus. Inzwischen seien die Kunden aber ausgehungert nach Farben. Corona fühlte sich wie ein langer Winterschlaf an: „Jetzt geht es um Frühlingsblüher, alles, was mit Blumen und Farben zu tun hat.“ Balkon und Garten werden zum neuen Rückzugsort und neben dem Verkauf von Pflanzen wächst auch der Umsatz rund um Garden-Living-Artikel, laut einer Studie des Marktforschungs- und Beratungsinstituts Marketmedia24.

Was man aus der Corona-Krise als Händler mitnehmen könne? Die Warenströme so breit abzusichern, dass bei einem Lockdown nicht gleich alles zusammenbricht, sieht Rauser als einen der wichtigsten Schlüssel im Umgang mit der wirtschaftlichen Unsicherheit. „Wir waren sehr froh, dass wir die Verfügbarkeit unserer Produkte online sicherstellen konnten – auch, wenn wir natürlich nicht konkurrieren können mit den großen Onlineversendern. Es ist wichtig, sichtbar zu bleiben!“ Digitalisierung sei ohnehin immer noch ein drängendes Thema, nicht nur im Onlinehandel, sondern auch für interne Prozesse. Da, findet Rauser, könne die grüne Branche ganz allgemein noch ein bisschen mehr machen.

Herzlichen Dank für das Interview!

Die Experten

Dr. Barbara Perfahl ist Wohnpsychologin und Home-Stagerin. Sie bietet Wohnberatungen, Büro-Checks und Tipps zur Einrichtung von Geschäftsräumen – auch digital. www.die-wohnpsychologin.de

Barbara Karstens ist analytische und kreative Sortimentsberaterin für Retail und E-Commerce. www.barbarakarstens.de

Christian Rauser ist Marketingleiter der Meier AG, eines der führenden Schweizer Unternehmen der Grünen Branche mit eigener Erzeugung und eigenem Gartenverlag. www.meier-ag.ch

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